Schmiedemeister Martin Wensauer in seiner Werkstatt.
Rottaler Hammerwerk
Gemeinsam mit seinem Bruder leitet Martin Wensauer als Ur-Urenkel den Familienbetrieb.

Aus der Deutschen Handwerks ZeitungSeines Glückes Schmied

Für viele selbstverständlich, tatsächlich aber das Ergebnis von komplexer Maßarbeit und jahrelanger Erfahrung in der Schmiedekunst: Der Klang von Kirchenglocken. Denn damit sie überhaupt läuten können, bedarf es eines äußerst wichtigen Details. Ein Detail, auf das sich Hammerschmied Ludwig Wensauer aus dem niederbayerischen Anzenkirchen, Landkreis Rottal-Inn, vor knapp 150 Jahren spezialisierte: dem Glockenklöppel, quasi dem Herzstück der Glocke. Mittlerweile leiten die Ur-Urenkel von Ludwig Wensauer, die Brüder Martin und Stefan, die Geschicke des niederbayerischen Traditionsunternehmens. Ihre Glockenklöppel, made in Niederbayern, bringen Glocken europaweit zum Klingen. Prominentestes Beispiel: Die Kathedrale von Notre-Dame, die nach dem verheerenden Brand 2019 kürzlich wiedereröffnet werden konnte. Auch dank des Rottaler Hammerwerks, das bereits zum dritten Mal für das Weltkulturerbe Klöppel schmieden durfte.
 

Tradition meets Moderne

Rund 1.500 Klöppel schmiedet das Rottaler Hammerwerk pro Jahr, aktuell sind Martin Wensauer und seine Schmiedemeister an drei Klöppeln für eine Kirche in Finnland am Werk. „Geschmiedet wird bei uns noch nach alter Tradition, ganz klassisch wie man es aus Filmen kennt, mit Amboss und mechanischen Schmiedehämmern“, erzählt Martin Wensauer im Gespräch. Aber natürlich entwickle sich auch ein so altes Handwerk weiter: „Mittlerweile nutzen wir natürlich auch neue und moderne Techniken, vor allem Hilfsmittel wie Hebekräne, um die größtenteils körperlich schwere und anstrengende Arbeit zu erleichtern“, so Wensauer. So ein Glockenklöppel könne immerhin bis zu 660 Kilo wiegen, für Glocken mit bis zu teilweise 18 Tonnen Gewicht. Zu seinen Kunden zählen Glockengießer und Elektromotorenhersteller. In bis zu 80 Prozent der Fälle kommen die Klöppel in bestehenden Glocken zum Einsatz. Damit leisten Wensauer und seine Schmiede einen wichtigen Beitrag zum Denkmalschutz.
 

Betrieb steht auf mehreren Beinen

Die Nachfrage nach Schmiedekunst aus Rottal sei seit jeher groß. Neue Kunden kommen auf Empfehlung. Man kenne sich in der Branche. Zusätzlich hat sich der Betrieb über die Jahre hinweg weitere Standbeine aufgebaut: So leitet Martin Wensauer die Hammerschmiede und die Metallbausparte, Bruder Stefan die Bereiche Schrott und Zerspanung. Bei letzterem werden Dreh- und Frästeile, aber auch Schweißkonstruktionen für den Maschinenbau sowie die Bau- und Landwirtschaft angefertigt. Auch wenn der Schrottplatz gleichzeitig Material für die Produktion liefert, das Material für die Glockenklöppel selbst kann von dort nicht genommen werden: „Dafür brauchen wir speziellen, besonders weichen Stahl, der die Glocke vor Schaden und Verschleiß schützt“, erklärt Martin Wensauer. Jeder Klöppel müsse darüber hinaus individuell gefertigt werden. Denn: „Die Läutekultur ist von Land zu Land unterschiedlich. Eine Glocke in Deutschland klingt ganz anders als in Frankreich oder der Schweiz.“ Und: Nur ein perfekter Klöppel sorge für den perfekten Klang.
 

Das Schmieden im Blut

Martin und Stefan Wensauer waren schon als Kinder in der Schmiede mit dabei. Vater Eduard Wensauer, heute 82 Jahre alt, hat sie von klein auf miteingebunden. „Das Schmieden liegt uns sozusagen im Blut“, lacht Martin Wensauer. Schwester Sabine arbeitet auch mit, kümmert sich um die Buchhaltung und um alles Organisatorische. Aktuell zählt der Betrieb 18 Mitarbeiter und bildet aus. Wenngleich die Azubi-Suche immer schwieriger wird. „Eine lokale Werbeagentur wird uns künftig mit Social Media unterstützen. Coole Bilder mit sprühenden Funken haben wir ja zu bieten“, sagt Martin Wensauer hoffnungsvoll. Neben der Nachwuchsgewinnung machen dem Betrieb die nach wie vor hohen Energiepreise zu schaffen. Zwar setzen die Wensauers seit jeher auf Wasserkraft und Solarstrom, doch beides decke bei weitem nicht den Bedarf. Von der neuen Regierung erwartet der Handwerker mehr Kompromissbereitschaft und dass der Stillstand aufhört. Damit seine Hammerschmiede im besten Fall noch weitere 150 Jahre Kirchenglocken in ganz Europa zum Klingen bringen kann.

 Deutsche Handwerks Zeitung

Ein Artikel aus der Deutschen Handwerks Zeitung vom 28. Februar 2025.