Michael Artmann steht stolz vor seinem Reaktor, bei dem hochreines, nachhaltiges Holzgas entsteht.
HWK
Michael Artmann vor seinem Reaktor. Hier entsteht hochreines, nachhaltiges Holzgas.

Im Gespräch mit Michael ArtmannHandwerksmeister und Visionär

Der Hof der Familie Artmann liegt abgeschieden im Grenzgebiet zwischen Niederbayern und der Oberpfalz, nur wenige Kilometer vor der Gemeinde Michelsneukirchen im äußersten Zipfel des Landkreises Cham. Hier herrscht völlige Ruhe - eine entscheidende Voraussetzung für Michael Artmanns Arbeit. Denn das, was der 55-jährige Handwerksmeister seit fast zwei Jahrzehnten auf seinem Hof vorantreibt, "macht häufig ordentlich Lärm". Vom klassischen Heizungsbau hat sich Artmann vor 18 Jahren zunehmend abgewandt und sich der Entwicklung eines eigenen Produkts verschrieben. Seine zentrale Idee: die Produktion von Gas durch thermochemische Vergasung von Biomasse. Was kompliziert klingt ist nichts weniger als eine wegweisende Innovation, nämlich die Herstellung eines Holzgases in bisher unerreichter Reinheit. Um dieses Ziel zu erreichen hat Artmann zahlreiche Rückschläge erlitten, stand mehrfach kurz vor dem Bankrott und hat trotzdem nie aufgegeben. Rückblickend hat sich der steinige Weg gelohnt, "aber nur, weil es gerade nochmal gut gegangen ist", sagt Artmann heute, der erst kürzlich mit dem Nachhaltigkeitspreis des Landkreises Cham ausgezeichnet wurde.

Eigenen Reaktor entwickelt

1993 wagt der gelernte Meister für Gas- und Wasserinstallation den Schritt in die Selbstständigkeit. Zwei Jahre später legt Michael Artmann zusätzlich die Meisterprüfung im Heizungsbau ab und baut darauf seinen Betrieb auf. "Ich war aber nicht wirklich glücklich mit der Situation", erinnert er sich. Die Nähe zum Kunden habe ihm grundsätzlich gefallen, ließ ihm aber wenig Zeit für seine Leidenschaft - die Entwicklung und Anfertigung eigener Maschinen und Produkte. 2006 entscheidet sich Artmann deswegen dafür, den Betrieb im Heizungsbau zurückzufahren. In England kauft er eine Gasturbinenanlage und arbeitet in den Folgejahren an einem Reaktor, in dem Hackschnitzel in reines Holzgas verwandelt werden sollen. Viel Geld und Zeit gehen verloren, mehrfach kommt Artmann an seine Belastungsgrenze. Eine Zusammenarbeit mit dem SHK-Unternehmen Burkardt aus Mühlhausen lehnt er trotzdem zunächst ab. "Ich wollte es unbedingt allein schaffen und war vielleicht noch nicht tief genug gesunken." Fünf Monate später steht dann aber fest: dieses Tal wird er allein nicht durchschreiten können. Erneut tritt die Firma Burkardt mit ihm in Kontakt, diesmal nimmt Artmann das Angebot an. "So ging es Stück für Stück wieder bergauf." Einige Jahre später war das erste marktfähige Produkt fertiggestellt: ein mit Pellets betriebener Reaktor. Für Artmann reicht das immer noch nicht aus. Sein Ziel ist nach wie vor ein System, das mit Hackschnitzeln funktioniert. Also geht es zurück in die Entwicklung. Artmann optimiert das bestehende einstufige Verfahren, wandelt es in ein mehrstufiges um und entwickelt dafür sogar einen eignen Hackschnitzeltrockner. Im Jahr 2015 lässt er das Endprodukt, das ganz genau seinen Vorstellungen entspricht, patentieren.

Weg zum Erfolg mit Misserfolgen gepflastert

Michael Artmann hat sich alles selbst angeeignet. Technisches Zeichnen mit der CAD-Software, Bau und Umbau des Reaktors - allein das Prinzip thermochemischer Prozesse begreifen zu können, habe Jahre gedauert. Kurzzeitig beschäftigt er einen Ingenieur, merkt dann aber schnell, dass er nur weiterkommt, wenn er es selbst macht, wenn er alles versteht. "Durch dieses Unschuldige was ich hatte, konnte ich überhaupt erst in das Thema einsteigen. Wenn man immer erst schaut, was andere schon gemacht haben, geht ein Stück gedankliche Freiheit verloren." Dass er dafür auch zahlreiche Misserfolge in Kauf nehmen muss, bewertet der Handwerksmeister aber nicht negativ. "Man findet nur durch Fehler die richtige Lösung", meint Artmann. Der Erfolg gibt ihm recht. Mittlerweile sind zwölf seiner Anlagen auf dem Markt, eine geht demnächst nach Japan, eine weitere nach Österreich. Mit seiner Idee hat Michael Artmann den Nerv der Zeit getroffen.

Rückhalt aus der Familie war entscheidend

Dass er beim Innovationspreis des Landkreises Cham in der Kategorie Nachhaltigkeit als Sieger ausgezeichnet wird, ist für Artmann eine große Überraschung. "Als der Moment kam, war mein Puls auf 180. Es war eine wahnsinnige Erleichterung und eine Belohnung für all die Mühe der vergangenen Jahre." Ohne die Familie, ohne die Unterstützung seiner Frau, seiner Kinder und seiner Eltern hätte er es nicht geschafft, davon ist der 55-Jährige überzeugt. Beinah täglich hat sein im Frühjahr letzten Jahresverstorbener Vater für ihn die Turbine zerlegt, zig Male den Reaktor geöffnet und wieder zusammengebaut, wenn Michael Artmann mal wieder auf Fehlersuche gehen musste. "Wenn die alle nicht hinter mir gestanden wären, dann wäre das Ganze sehr schnell zerbrochen." Mit seinem Reaktor hat sich Artmann auch dank dieses Rückhalts heute einen Namen gemacht und arbeitet weiterhin als Entwickler mit der Burkardt GmbH aber auch mit dem Fraunhofer Institut zusammen. Die Quelle an Ideen ist nicht versiegt, die Energie ungebrochen. Auch in Zukunft macht Michael Artmann auf seiner ruhigen Hofstelle allen Widerständen zum Trotz mit seinen Entwicklungen ordentlich Lärm.

Michael Artmann und seine Frau Ilona Artmann halten den Innovationspreis in den Händen.
Foto Koch
Michael Artmann und seine Frau Ilona Artmann beim Innovationspreis des Landkreises Cham. Für seine Entwicklung gab es eine Auszeichnung in der Kategorie Nachhaltigkeit.

 DHZ

Ein Artikel aus der Deutschen Handwerks Zeitung vom 31. Januar 2025.



 Hintergrundinformationen

Michael Artmanns Reaktor funktioniert über ein mehrstufiges System, in dem die einzelnen Prozesse der thermochemischen Vergasung voneinander getrennt ablaufen. Die Temperaturverläufe können so genau gesteuert und hochreines Gas hergestellt werden.

Schritt 1 | Pyrolyse:

Die Hackschnitzel werden erhitzt, alle gasförmigen Bestandteile werden vom Holz getrennt, sie zerfallen in Gas und Kohle.

Schritt 2 | Oxidation:

Ein Teil des Gases wird mit Sauerstoff versetzt und so auf eine bestimmte Temperatur erhitzt.

Schritt 3 | Reduktion:

Das oxidierte Gas und das Pyrolysegas werden wieder dem Kohlebett zugeführt. Der Sauerstoff geht hier wieder verloren. Zurück bleibt reines Holzgas, das sich größtenteils aus Kohlenmonoxid und Wasserstoff zusammensetzt.